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Die letzten Tage der Deutschen in Beschka

Bericht des Zeitzeugen Johann Betschel (Jahrgang 1927)

Ich möchte allen Landsleuten aus Beschka und ihren Nachkommen mitteilen, was ich in den letzten Tagen vor der Flucht in Beschka und danach erlebt habe. Mein Bericht kann auch den heute in unserem damaligen Heimatdorf lebenden Serben einen Eindruck davon vermitteln, wie trostlos und hoffnungslos unser Abschied von Beschka gewesen ist. Ich schreibe diesen Bericht allerdings erst im Jahre 2010, also 65 Jahre nach jener Zeit. Doch weil ich damals erst 17 Jahre alt war, habe ich diese schweren Tage bis in mein hohes Alter von 83 Jahren nicht vergessen. Ich blicke noch einmal zurück und beschreibe die damalige Situation nach bestem Wissen und Gewissen.

Einige Tage vor der Flucht bekamen wir noch militärische Uniformen mit dem Abzeichen „E.S.“ das für die donauschwäbische „Einsatzstaffel“ stand. Wir bekamen jedoch kein Soldbuch, denn wir waren ja keine Soldaten sondern eine bis dahin in Zivil patrouillierende bewaffnete Heimatwache. Wir bekamen auch moderne Waffen, die wir in Indjija abgeholt haben. Wir bewachten alle Ausfallstraßen von Beschka Tag und Nacht und kontrollierten jeden, der sich irgendwie verdächtig gemacht hat. Die Serben in unserem Dorf wurden von den Partisanen aufgefordert, in bestimmten Weinbergen oder auf bestimmten Feldern Lebensmittel für die Versorgung der illegal kämpfenden Partisanen bereitzustellen. Ihnen wurde die Erschießung angedroht, wenn sie dieser Aufforderung nicht nachkommen würden. Tatsächlich wurden zwei Beschkaer Serben erschossen, weil sie der Aufforderung der Partisanen nicht gefolgt sind. Einer unserer serbischen Nachbarn klagte meinem Vater seine Not, dass er gegen seinen Willen den Partisanen helfen musste, aber wegen der strengen Bewachung durch uns nicht aus dem Dorf kommen konnte. Mein Vater Nikolaus legte mir nahe, diesen unglücklichen Mann passieren zu lassen. Ich habe das getan, weil ich Verständnis für die Not des Serben hatte. Ich ließ ihn mit seinem Pferdewagen aus dem Dorf fahren und er verschwand mit einem Bündel voll Lebensmittel in Richtung Krtschedin.

Am 8. Oktober 1944 sind wir am Nachmittag als „Mannschaft“ (so nannten wir uns als Heimatwache) nach Tschortarnovci gefahren, um dort für unsere deutschen Leute, die kein eigenes Fuhrwerk hatten, Wagen und Pferde zu requirieren. Wir hatten mehrere Fuhrwerke aufgebracht, und etliche Serben begleiteten uns mit ihren Pferdewagen nach Beschka, etliche aber auch nicht. Am Abend war der Sportplatz (Exerzierplatz) voller Pferdewagen, die von deutschen Familien für ihre Flucht in Anspruch genommen wurden. Reinhard Feth (Jahrgang 1928) und seine Eltern nahmen auch so ein Gespann, weil der Schneidermeister Philipp Feth selber weder Wagen noch Pferde hatte.

Am 10. Oktober um 8.00 Uhr begann die Flucht von deutschen Familien mit Pferdewagen in Richtung der Stadt Ruma. Da fast alle wehrfähigen Männer zum Militärdienst eingezogen waren, mussten die alten und ganz jungen Männer – in manchen Fällen auch eine beherzte Frau – den Kutscher machen. Wir Uniformierten durften sie nur bis zur Autostraße begleiten, dann mussten wir wieder zurück ins Dorf. Männer, die noch in Zivil waren, durften ihre Familien bis nach Ruma begleiten, mussten von dort aber am nächsten Tag auch wieder zurück nach Beschka. Die von den Serben geliehenen Fuhrwerke wurden von ihnen wieder nach Beschka zurückgebracht. Weil es früh dunkel wurde, fuhren sie im Galopp. Reinhard Feth hatte das Pech, dass ihm auf dem Rückweg zweimal ein Rad vom Wagen abging. Als Schneider hätte er es nicht wieder hinmontieren können, wenn ihm nicht andere Gespannführer geholfen hätten. Er bekam dann in Beschka die Order, das Gespann im Hof der Bäckerei Ewinger in der Zwerchgasse abzustellen. Was aus dem Wagen und den Pferden geworden ist, weiß er bis heute nicht.

Unter den in Beschka zurückgebliebenen Männern machte sich tiefe Trauer und Unmut breit, weil man es ihnen verwehrt hatte, mit ihren Familien auf die Flucht zu gehen. Es kam zu heftigen Wortwechseln zwischen ihnen und den als eine Art Offizieren  fungierenden Mannschaftsführern.  Diese kümmerten sich in der trostlosen Lage um jeden und  um alles, so gut das eben noch ging. Es gab unter uns Männer, die in dieser Situation weinten, und es gab andere, die im Alkohol ihren Trost suchten. Es waren wirklich unsagbar traurige Tage in Beschka. Aber trotz aller dunklen Ahnungen, die uns nach dem traurigen Abzug unserer Familien befallen hatten,  klappte die letzte Organisation in Beschka erstaunlich gut. Jeden Tag wurde beim Bäcker Fasekasch Brot gebacken. Man schlachtete Schweine, die im Gasthof Huber gekocht wurden. Gegessen haben die Leute bei Huber und in der „Sokolana“ (einem Haus für die Pflege serbischer Sitte und Kultur). Mastschweine wurden abtransportiert; Tiere, die es nicht mehr bis zum Bahnhof schafften, wurden in der Fleischerei Strecker geschlachtet, verarbeitet und in Fässern eingebraten. Sie wurden von Soldaten der deutschen Wehrmacht abgeholt.

Einmal ging ich nachmittags in unser verlassenes Haus, um zu sehen ob noch alles in Ordnung wäre. Auf dem Weg durchs Gässchen in die Maradikergasse traf ich auf drei deutsche Soldaten, die mit einem LKW auf der Suche nach Hühnern und Gänsen unterwegs waren. Ich bot ihnen ein fettes Schwein an, wenn sie mir dafür Patronen für meine Offizierspistole geben würden. Der Handel klappte prima. Die Sau wurde aufgeladen und abtransportiert. Das alles geschah vor dem Elternhaus von Jakob Heidt in der Ruheheim-Gasse, kurz vor der Einmündung in die Maradiker Gasse.

Unsere Heimatwache ging jeden Tag und jede Nacht in Gruppen von 4 bis 6 Mann Streife durch Beschka, um Plünderungen zu verhindern. Ein russisches Aufklärungsflugzeug kam einige Tage um circa 9.00 Uhr am serbischen Kirchturm vorbei geflogen. Ich wollte in meinem jugendlichen Übermut gerne auf der Rundtreppe im Turm hinauf, um den Aufklärer mit dem MG (Maschinengewehr) das ich hatte, abzuschießen. Aber der „Hoffmannspat“ hat es nicht zugelassen. (gemeint ist der letzte Bürgermeister von Beschka, Stefan Hoffmann). Von unserer Mannschaft traute sich keiner mehr in die von Serben bewohnte Aabgasse. Ich ging mit einem Kameraden nachts durch diese Gasse zum Friedhof und von dort zum Bahnhof und wieder zurück, ohne dass jemand davon wusste. Noch kurz vor unserer Flucht kapitulierte Ungarn, das bis dahin mit Hitler-Deutschland paktiert hatte. Da waren wir von der Mannschaft drei Tage und drei Nächte an der Donau auf Wache, damit sich niemand über die Donau zu den Partisanen absetzen konnte.

Vor unserer endgültigen Abreise aus Beschka bestellte der Hoffmannspat die serbische Bevölkerung zum Gemeindehaus, um sie zu bitten, sich um das verlassene Vieh zu kümmern. Sie kamen nur zögerlich und es waren nicht viele. Für uns Deutsche wurde die Lage allmählich brenzlig, zumal sich ein großer Teil der „Mannschaft“ mit den Kühen auf den Weg aus dem Dorf gemacht hatte. Auch die bis dahin führenden Leute, wie Lehrer Peter Lang, Pfarrer Philipp Bellmann, der Arzt Dr. Renner, der Mühlenbesitzer Philipp Kniesel und einige andere. Sie ließen uns junge Leute alleine, und ich dachte an das serbische Sprichwort: „Kuda koji, mili moji, a ja sam kuda znam“ (zu Deutsch: „Wohin die einen von den lieben Meinen, und ich alleine weiß, wohin sie sind“. Reinhard Feth hatte sich vorher noch bemüht, auch eine Uniform zu bekommen, wie die anderen jungen Männer, die sich als letzte Nachhut der jungen Beschkaer auf den Weg in eine völlig ungewisse Zukunft gemacht haben. Er bekam noch eine.

Am späten Nachmittag des 22. Oktober 1944 (es war ein Sonntag) verließen auch wir letzten deutschen Beschkaer unser Dorf  in Richtung Indjija. Wir hofften, dass wir dort die übrigen Beschkaer noch antreffen würden, die schon  vor uns „abgehauen“ waren. Aber das große deutsche Dorf war bereits von seinen Einwohnern verlassen. Auch von den führenden Beschkaer Persönlichkeiten war nichts mehr zu sehen. Wir hielten uns noch einige Tage dort auf. Da kam ein kroatischer Offizier mit einem LKW und bat uns, seine Familie – Frau und drei Kinder – aus Semlin heraus zu holen (Syrmien gehörte damals zum „Unabhängigen Staat Kroatien“, der mit Hitler-Deutschland paktiert hatte. Semlin liegt direkt neben der Hauptstadt Belgrad). Wir sind seinem Wunsch willig nachgekommen und haben seine Familie tatsächlich herausgeholt, während in Belgrad schon Straßenkämpfe zwischen den russischen und deutschen Truppen getobt haben.

Am 24. Oktober 1944, - Reinhard Feth war dabei und wusste noch das Datum -, sind wir um 10.00 Uhr mit dem LKW in Richtung Osijek aus Indjija abgefahren. Wir erfuhren später von einem Sohn der Familie Wolf aus der Selescht, - er war bei einer deutschen Einheit als Kradfahrer eingesetzt - dass vier Stunden später, um 2 Uhr nachmittags, die Russen schon in Indjija waren.  Im Deutschen Haus in Osijek angekommen, sagte der Hoffmanspat zu mir: „In Zukunft bleibst du an meiner Seite“. Gehorsam wie ich war tat ich es auch. Als uniformierte Mannschaft kamen wir anderntags in ein leer stehendes  Barackenlager,  mit einer Küche dabei. Andere junge Männer aus Beschka kamen dazu. Ich erinnere mich an Johann Wendel und Albert Pfeiffer (beide Jahrgang 1928).

Es ging drunter und drüber, und es gab allerlei kuriose Begebenheiten, z. B. tauchte plötzlich unser Dorfarzt Dr. Renner mit Adam Blasius auf einem Motorrad bei uns in Osijek auf.   Wir lagen mit vier bis fünf Mann in einem Zimmer. Fredy Nonnenmacher und einige andere Männer kochten für uns. Ich ging dem Bürgermeister Hoffmann zur Hand, kaufte morgens in der Stadt Brot und Wecken, putzte ihm die Stiefel und diente ihm als „Bursche“ auf allerlei Weise. In der Stadt traf ich auch unsere Beschkaer Herren in einer Privatwohnung beisammen. Sie hatten sich also auch erfolgreich aus dem gefährlichen Hexenkessel absetzen und nach Osijek absetzen können.

Nach etlichen Tagen wurden für unsere Weiterfahrt in Richtung Deutschland auf einem großen Bauernhof bei Osijek Fuhrwerke requiriert. Der Gutsverwalter im Rang eines Hauptmanns fühlte sich übergangen und wurde darüber wütend. Er griff nach einem heftigen Wortwechsel Stefan Hoffmann tätlich an. Einige von uns sahen das und traten dazwischen. Der Hauptmann wurde dabei regelrecht „verdroschen“. Sie rissen ihm sogar die Epauletten von der Schulter. Deutsches Militär mischte sich ein und führte ihn ab. Wir bekamen aber unser Fuhrwerk.

Etwa zwei bis drei Tage danach übergab uns Lehrer Heinrich Bächer ein Dokument, wonach alle Behörden uns auf unserer Reise behilflich sein sollten. Es war jetzt so, dass sich jeder selbst um seine Sicherheit und sein Fortkommen kümmern musste. Reinhard Feth zog wieder Zivilkleidung an und machte sich zusammen mit anderen Flüchtlingen auf den Weg über die Drau und durch Ungarn bis nach Schärding in Oberösterreich. Dort erfuhr er, dass seine Eltern nahe der Stadt Eger im Sudetenland gestrandet waren. Wie durch ein Wunder hat er sie dort tatsächlich gefunden und konnte bei seiner Familie bleiben und als Schneider arbeiten bis er nach dem Kriege auf vielen Umwegen Braunschweig zu seiner neue Heimat gemacht hat. 

Karl Strecker  und ich machten uns auch sofort auf die Reise. Wir kamen nach Norden über die Drau nach Darda, wo wir einen Güterzug fanden. Im Bremshäuschen fuhren wir bis nach Peč (Fünfkirchen) in Ungarn. Dort trafen wir am Bahnhof einige unserer Beschkaer Landsleute. Stefan Hoffmann und mein Cousin Jakob Betschel waren auch dabei. Sie hatten in Osijek in einem Zug gesessen, der noch auf dem Abstellgleis gestanden hatte, als wir zwei losgezogen sind. Später haben sie uns aber überholt, denn als Karl Strecker und ich in Fünfkirchen ankamen, waren sie bereits vor uns dort. Karl und ich fuhren mit ihnen  in einem Zugabteil bis nach Graz. Der „Hoffmannspat“  hat uns unterwegs noch viel erzählt von dem, was in jenen Tagen zwischen Beschka und Osijek an wundersamen Begebenheiten und Bewahrungen passiert war.

Von Graz aus machten Karl und ich uns auf den Weg nach Deutschland. Zu der Zeit gehörte ja ganz Österreich noch zum „Deutschen Reich“, so dass wir keine Schwierigkeiten an einer Grenze hatten. Wir fuhren miteinander, bis sich Karl nach Hannover hin orientiert hat, und ich nach Braunschweig fuhr, wohin Verwandte von mir auf verschlungenen Wegen gelangt waren. Dort konnte ich Fuß fassen und Wurzeln schlagen und bin so zu einem Braunschweiger Bürger geworden und es bis heute – im Ruhestand immer noch nahe bei Stadt wohnend – geblieben. Die Erinnerung an die letzten Tage in Beschka werde ich wohl in mein Grab mitnehmen. Aber das ist ein Schicksal, das viele meiner Landsleute aus Beschka auf ähnliche oder noch viel dramatischere Weise als ich erlebt haben.         Was einzelne von uns ganz individuell erlebt haben, weiß nur Gott allein. Aber mein Bericht soll denen dienen, die sonst von niemandem etwas über die letzten Tage in Beschka gehört oder gelesen haben.

Johann Betschel, Jahrgang 1927
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(Erstellt: 05.01.2010, letzte Änderung: 05.03.2017)

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