Familie Eisenlöffel und mehr ...
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Offene Türen in Beschka

Ein Reisebericht von Ludwig und Renate Roth
 
Vom 22. bis 27. August 2007 hat eine dritte Reisegruppe von 64 Landsleuten mit einem großen und einem kleinen Bus unsere erste Heimat Beschka besucht. Ich (Ludwig) konnte an der Reise teilnehmen, gemeinsam mit meiner Frau, unserem Sohn und unserer Tochter. Es war meine zweite Reise nach Beschka, die erste war im Jahr 2005. Die Fahrt war mit einer Übernachtung in Klagenfurt vorbereitet und führte uns durch die wunderbare Bergwelt Österreichs. Am Morgen des 23. August traten wir die Weiterfahrt von Klagenfurt in Richtung Beschka pünktlich an.
 
Während der Fahrt bekamen wir von Pfarrer Dr. Ludwig D. Eisenlöffel im Bus über das Bordmikrofon eine einprägsame Einführung in unsere donauschwäbische Ansiedlungs- und Kulturgeschichte sowie Berichte von Zeitzeugen über die entscheidenden Jahre, die 1944 zu unserer Flucht aus Beschka geführt haben. Das war besonders für solche Reiseteilnehmer wichtig, die erst wenige Jahre vor der Flucht in Beschka oder erst später in Deutschland geboren worden sind. Sie lernten wichtige historische Zusammenhänge kennen und erfuhren etwas über die einstens gute Nachbarschaft der Deutschen mit den Serben, aber auch über die notvolle Entfremdung der beiden Völker durch widerstreitende politische Interessen, die am Ende zum Verlust unserer Heimat geführt haben. 
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Als ganz besondere Überraschung konnten wir ein Heimatlied von einer CD hören, das zur Melodie des Gefangenenchores aus der Oper „Nabucco“ von Verdi gesungen wurde. Den Text schrieb unser Landsmann Martin Steigele. Dieses Lied mit der bekannten prachtvollen Melodie mitzusingen, machte uns viel Freude. Wir sangen es später in Beschka bei der Begrüßung für unsere serbischen Freunde. Die mussten leider lange auf uns warten, denn die vielen Kilometer durch Slowenien und Kroatien hatten uns dieses Mal sehr viel Zeit gekostet. Bei jedem Ausstieg an den verschiedenen Raststätten kam uns eine wärmere Luftwelle entgegen. Sehr viel Geduld mussten wir an den kroatischen und serbischen Grenzkontrollen aufbringen, und unser Busfahrer, Herr Dietrich Hess, war in seiner Funktion nicht zu beneiden. Aber die Freude war groß, als wir dann mit viel Verspätung in Beschka eintrafen.
Endlich angekommen…
Unsere Gastgeber bereiteten uns einen herzlichen Empfang. Für das leibliche Wohl war reichlich gesorgt, sowohl gleich im Hotel „Centar“, als auch im Vereinsraum „Stara Beška“, bei herrlichem Strudel, und danach am Abend beim Fischessen – mit Zigeunermusik – an der Donau. Unsere Übernachtungen waren in den Hotels „Centar“ (mitten im Dorf), „Park“ (am Reiterplatz) und Božić (direkt an der Donau) gebucht. Nach dem Frühstück trafen wir uns an jedem Tag  gemeinsam im Zentrum des Dorfes zu den verschiedenen Unternehmungen.
Wir wurden kaiserlich bewirtet

Am Freitagmorgen, dem 24. August, zog es uns gleich nach dem Frühstück zum „Piaz“. Viele Früchte, Tomaten, Paprika und anderes Gemüse gab es in Hülle und Fülle; -  alles dort gereift. Angeboten wird alles vom Babyhöschen bis zum Rasiermesser. Man wird an einen orientalischen Basar erinnert, - aber wir waren ja schließlich in Serbien. Anschließend gingen wir in kleinen Gruppen durch die uns vertrauten alten Gassen, immer darauf bedacht im Schatten zu gehen, denn die Temperaturen waren nahe an 40° im Schatten. Wir stellten fest, dass seit unserem ersten Besuch einige neue Häuser gebaut und auch alte Häuser in einen besseren Zustand gebracht worden sind. Die Fassade vom Bubenheimer-Haus in der „Unteren Gasse“ strahlt förmlich im Farbenglanz eines neuen meisterhaften Anstrichs. Eindrucksvoll sind auch die Hotels im Ort und an der Donau, sowie ein vierstöckiger Neubau an der Stelle wo früher die reformierte Kirche gestanden hat.

Auf dem Piaz

Am Nachmittag wurden wir zum Friedhof gefahren und jeder suchte nach einem Grabstein mit einem bekannten Namen oder einem anderen Hinweis nach einem hier bestatteten Vorfahren. Nicht wenige wurden fündig, denn fleißige Hände hatten hier schon im Frühjahr unter der Anleitung von Frau Ursula Eisenlöffel mit Reinigungsmitteln und Bürsten dafür gesorgt, dass man die meisten Namen und Daten auf den noch erhaltenen Grabsteinen wieder lesen kann. Umgestürzte  und fast im Erdreich verschwundene Grabsteine wurden hervor geholt,  gereinigt und wenn irgend möglich wieder aufgerichtet.  Zur Begrenzung wurden eine Reihe Thujen gepflanzt, denen jetzt im Herbst noch mehrere folgen werden. Es war für uns eine Freude zu sehen, dass dieser alte deutsche Friedhof wieder eine würdige Gedenkstätte an unsere verstorbenen Vorfahren geworden ist.
Es hat sich was getan auf dem Friedhof
Am Samstag, dem 25. August, fuhr ein Teil der Gruppe zur Festung Peterwardein und in die Stadt Novi Sad. Andere wollten den Tag doch lieber in Beschka verbringen, so auch ich mit meiner Familie. Wir  hatten ausreichend Zeit für einen Besuch in meinem ehemaligen Elternhaus in der Maradiker Gasse. Ich betrat nach 63 Jahren das Haus in welchem ich geboren worden bin. Wir wurden von den jetzigen serbischen Besitzern sehr freudig begrüßt, übermäßig bewirtet, in Haus  und Garten herumgeführt, vom Keller bis zum Dachboden. An Vieles erinnerte ich mich noch, an den großen Birnbaum, an die Türklinke und viele andere Details. Ich war immerhin schon 10 Jahre alt, als wir Beschka verlassen mussten. Parallel zu den privaten Besuchen wurden uns kostenlose Fahrten mit einer Kutsche angeboten, die bei den Serben – von den Österreichern entlehnt - „Fiaker“ heißt.
Wir besuchen unser Elternhaus
 
Die Verständigung mit dem serbischen Ehepaar war aus sprachlichen Gründen nicht einfach, dennoch ist sie uns durch beiderseitige Freude über das Zusammentreffen gut gelungen. Verständnis zeigte der jetzige Hausbesitzer sofort, als ich ihn um eine Handvoll Heimaterde bat, die ich meinen Eltern in Thüringen auf das Grab bringen wollte. Verabschiedet wurden wir mit Geschenken und der freundlichen Bitte, dass wir ja wiederkommen sollten. Es hat uns sehr bewegt, wir haben Menschen kennen gelernt, die arbeitslos sind und mit einem sehr geringen Einkommen leben müssen. Sie nutzen dazu jede Gelegenheit, pflanzen Kartoffel und Kraut (für Sauerkraut) für den Winter, füttern und schlachten Schweine und verdienen sich ihr Brot durch Erntearbeiten auf den Feldern und in den Weingärten.
 
An dieser Stelle muss ich sagen, dass bei diesem unserem zweiten Besuch die Bewohner des Ortes wesentlich aufgeschlossener und freundlicher waren als beim ersten Mal. Das ist sicher dem serbischen Heimatverein zu verdanken, der auf jede erdenkliche Weise die Annäherung zwischen den Deutschen und Serben fördert. Die lokale Presse und das Fernsehen interessierten sich auch sehr für uns. Wie in den Jahren vorher waren auch heuer im Kulturheim zahlreiche Bilder des Beschkaer Kunstmalers und anerkannten Karikaturisten Miro Stefanović ausgestellt und uns sehr günstig zum Verkauf angeboten worden.
Ausstellung und Verkauf bei: Miro Stefanovic, Karikaturist

Am Abend ab  18.00 waren wir von der Familie Stojšić zum Grillabend auf ihren Salasch eingeladen. Bei serbischer Musik verbrachten wir einen Abend, an den wir noch lange denken werden. Würstchen und Grillfleisch (Spanferkel) wurden reichlich angeboten, ebenso Obst und Getränke. Wir erlebten unsere serbischen Freunde in ihrem „Sremer“ Temperament. Dagegen kamen wir Deutschen uns doch recht steif vor. Die Jüngeren von uns ließen sich schon eher in das fröhliche Feiern einbeziehen. Es wurde da und dort auf eine serbisch-deutsche Bruderschaft getrunken, beim serbischen Nationaltanz, dem „Kolo“, haben manche von uns recht und schlecht mitgehalten, und es herrschte einfach eine Stimmung der Freude und des gegenseitigen Vertrauens.

Auf dem Salasch der Familie Stojšić

Der Höhepunkt der Reise kam für uns am Sonntag, dem 26. August, unserem Abreisetag. Da trafen wir uns – etliche nach dem Besuch des serbisch-orthodoxen Gottesdienstes -  um 12.00 auf dem ehemals deutschen Friedhof zu einem Gedenkgottesdienst. Viele serbische und einige der wenigen kroatischen Bewohner kamen auch dazu.  Zu unserer großen Freude gaben uns und unseren verstorbenen Ahnen auch drei Geistliche der serbisch-orthodoxen, und der Pfarrer der katholischen Kirche die Ehre durch ihre Mitwirkung bei der Feier. Wir sangen im Verlaufe des Gottesdienstes drei bekannte Kirchenlieder. Die Predigt hielt Herr Dekan Karl-Heinz Wendel (Fürstenfeldbruck). Sie wurde von der ehemaligen Schulleiterin der Beschkaer Hauptschule, der akademisch geschulten Germanistin Frau Jasmina Matunović,  in die serbische Sprache übersetzt.

Einweihung des Gedenksteins auf dem Friedhof

Anschließend wurde eine schlichte Gedenktafel enthüllt und ein Kranz niedergelegt. Auf einem Band steht geschrieben: „Unseren treuen Vorfahren – 1860 bis 1944“ und auf dem anderen: „Ihre dankbaren Nachkommen in aller Welt“. Im Gebet baten wir alle um Frieden, Verständigung und beiderseitige Vergebung allen erlittenen Leides. Den Segen zum Abschluss sprachen die zwei Geistlichen der evangelischen, drei Priester der orthodoxen, und der Pfarrer der katholischen Kirche gemeinsam.
Nach der Feier ging es zum Abschiedsessen ins Restaurant des Hotel „Centar“, an dem noch einmal auch unsere serbischen Freunde vom Heimatverein als unsere Gastgeber teilgenommen haben. Gestärkt vom professionell servierten reichhaltigen Mittagessen traten wir danach die Heimreise an.
Abschied von unseren Freunden in Beschka
Es sollte wieder eine sehr lange Fahrt werden. An den serbischen und kroatischen Grenzstellen entstanden sehr, sehr lange Wartezeiten. Die Stimmung im Bus war dennoch fröhlich. Die Beschkaer sprechen so gern ihren Dialekt. Unverdrossen  erzählten sie sich lustige Anekdoten und tauschten sachkundig Beschkaer Kochrezepte aus.
Wir trafen spät in der Nacht im „Hotel Aragia“ in Klagenfurt ein. Auf dem Weg dorthin wurde deutlich, dass unser Busfahrer am Montagmorgen nicht zeitig weiterfahren durfte, weil er seine vorgeschriebenen Ruhezeiten einhalten musste. Der frühe Aufbruch war aber wichtig, da die Mitreisenden, besonders die Thüringer, am Abend in Karlsruhe noch einen Zug erreichen mussten, der sie dann nach Hause bringen sollte. Es gelang schon unterwegs telefonisch, mit dem Busunternehmen zu vereinbaren, dass am Montag um 07.00 Uhr ein zweiter Fahrer zu uns gekommen ist und uns bis nach München gefahren hat.
Letzer Aufenthalt in Kärnten – es geht nach Hause
Die letzte Etappe begann mit dem Blick auf die Berge in Kärnten. Die Fahrt durch Bayern forderte noch einmal Geduld von uns, wir gerieten in zwei lange Staus. Dies ist leider der Alltag auf unseren Autobahnen. Doch  die Tage in Beschka waren ganz besondere Feiertage für uns. Wir danken allen, die viel Mühe hatten, uns diese Tage zu ermöglichen, besonders unserem Landsmann Ludwig Eisenlöffel und seiner Frau Ursula, Herrn Dekan Karl-Heinz Wendel und unserem „Schatzmeister“,  Herrn Georg Jung. Den serbischen Beschkaern danken wir ganz herzlich für ihren überaus freundlichen Empfang, für ihre großzügige Gastfreundschaft und den bewegenden Abschied. Danke sagen wir aber auch unserm „obersten Reiseführer“ im Himmel, der uns geführt und behütet hat vor Gefahren, die eine so weite Reise mit sich bringt. Er hat uns  fröhlich und gesund wieder nach Hause zurückkehren lassen.
 
Ludwig und Renate Roth
Mühlhausen
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