Familie Eisenlöffel und mehr ...
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Zurück zu den Wurzeln...

Bericht über eine Gruppenreise nach Beschka Ende Mai 2008
 
Beschka! Dieser Ort begleitet uns seit unserer frühen Kindheit bis heute. Er hat unser Leben entscheidend geprägt, ohne dass wir ihn jemals gesehen hätten. Also wollten wir diesen „sagenumwobenen Ort“ endlich kennen lernen und machten uns am 27. Mai auf in das Land unserer Mütter – mit unseren Müttern. Der Bus fuhr ab Karlsruhe und unterwegs sind in Echterdingen, Ulm, Dasing und Irschenberg weitere Fahrgäste zugestiegen. Schließlich waren wir (nur) 38 Personen im Vier-Sterne-Bus. Vier Personen kamen mit dem Flugzeug und zwei mit ihrem eigenen PKW nach. So waren wir insgesamt 44 Teilnehmer.
 
Der Weg ist weit, doch wer sich noch nicht kennt, lernt sich im Gespräch bald kennen. Zur Abwechslung und Kurzweil stimmt Pfarrer Eisenlöffel als Reiseleiter immer wieder Lieder an, die er mit der Gitarre begleitet. Wir erfahren zwischendurch von ihm über den Bordlautsprecher so einiges über die interessante Geschichte der Donauschwaben. In  der niederösterreichischen Stadt St.Pölten hat die Reise für diesen ersten langen Tag ein Ende. Wir stärken uns mit einem guten Abendessen und gehen in einem netten Hotel müde ins Bett.
Die lange Fahrt wurde nie langweilig
 
Der Weg führt uns am Mittwoch,dem 28. Mai,  weiter durch Österreich und Ungarn, vorbei an Budapest, bis wir endlich gegen etwa 18 Uhr mit etwas Wartezeit die Grenze zum „gelobten Land“ (heutiges Serbien) überqueren. Unsere Nerven sind angespannt, aber die beeindruckende Landschaft der Wojwodina erfrischt uns wieder. Die Spannung wächst mit jedem Kilometer, mit dem wir uns unserem Ziel nähern. Endlich! Die neue „Brücke zur Welt“ – es soll die höchste in Europa sein -  verbindet die beiden Ufer der ruhig im Dämmerlicht dahin fließenden, wunderschönen blauen Donau. Man hört im Beschkaer Dialekt sagen „Ach wie schee“ und „Schau mol do unne“, und schon tauchen die ersten Häuser des ersehnten Zieles auf – Beschka. Wir biegen in die Hauptstraße ein und es lassen sich überraschte Stimmen vernehmen:  „Ach je, de Ziggelouve vum Henn ist jo gor nimmi dou“. Und  bei der großen Kreuzung heißt es: „des Kreiz in de Mitt’e vum Dorf  hanse o weg genumm“.
Es hat sich viel verändert, seit damals…
 
Doch dann gewinnt die Freude über den Empfang am neu erbauten Hotel CENTAR  gegenüber dem noch unveränderten „Gmeenhaus“ (Rathaus) die Oberhand. Es gibt Umarmungen und „Schmetzcher“ (Küsschen), immer drei auf einmal; aber auch Tränen der Freude werden vergossen. Nach serbischem Brauch bekommen wir „Brot und Salz“ gereicht. Wir fühlen uns wie VIPs. Nachdem die lautstarke Wiedersehensfreude einigermaßen abgeklungen ist, bedienen wir uns mit der leckeren Vorspeise, die wir in der Abenddämmerung bei lauer Temperatur unter musikalischer Darbietung des Duos „Electra“ (ein hoch musikalisches Ehepaar)  im Freien einnehmen. Der herzliche Empfang und die zauberhafte Stimmung bewegen  uns sehr. Jetzt verstehen wir, warum unsere Leute diese Strapazen auf sich nehmen. Zwei lange Tage Busfahrt fordern dennoch ihren Tribut. Wir beziehen unsere Hotel-Zimmer und legen uns aufs Ohr.
 
Am Donnerstag,dem 29. Mai, leiten serbische Schulkinder in Trachten den offiziellen Empfang durch den Heimatverein „Altes Beschka“ im Rathaus mit einer Tanz- und Gesangsdarstellung ein. Dort stehen - nach einem bereits üppigen Frühstück im Hotel - Nuss- und Mogstrudel, kalte Getränke und natürlich Slivovitz (Zwetschgenschnaps)  für uns auf den Tischen. Mit Fotos aus dem Gemeindeleben, mit original alten Schriften, dem Schul- und Kassenbuch frischen die Ur-Beschkaer alte Erinnerungen an „damals“ auf. Die alten Bücher legen Zeugnis ab über Handel und Wandel der kommunalen Gemeinde Beschka, deren damaliger Kassier Jakob Weiss überall präsent wird. Er scheint als ein Ehrenbürger zu gelten.
Eine schöne Überraschung: Schulkinder tanzen extra für uns.
Wir haben die Kerweihkrone als Geschenk aus Deutschland mitgebracht.
 
Nach dem Mittagessen steht die Besichtigung der orthodoxen Kirche an, die jedem „Beschkemer“ noch gut in Erinnerung ist. Unser Reiseleiter übersetzt die Ausführungen des Popen zur Geschichte dieser Kirche. Das geduldige Zuhören wird anschließend im kirchlichen Gemeindehaus unter anderem mit – was wohl? – natürlich mit Slivovitz – belohnt. Dann brechen viele zur Dorfbesichtigung auf. Einige fahren mit dem „Fiaker“ (Kutsche), die meisten gehen zu Fuß. Wie wir späteren Erzählungen entnehmen konnten, erkundeten Einzelne die Korzgass und die Langgass oder die Molerum. Man suchte nach  Mojers, Schwebblers, Kniesels oder einem  anderen Haus. Die ortskundige Luisa (geborene Weiss) ist bereitwillig mitgegangen und hat beim Suchen und Finden mit ihren Serbischkenntnissen geholfen, bis sie fast nicht mehr konnte. Tränen der Freude aber auch der schmerzlichen Erinnerungen werden vergossen. Aber für alle ist es ein bewegendes Erlebnis. Im Hotel und Restaurant SIDRO, wunderschön idyllisch direkt an der Donau gelegen, nehmen wir bei einer unglaublich schönen Aussicht auf die Donau und auf die neue Transit-Brücke das Abendessen ein. Das Fischpaprikasch und andere Spezialitäten schmecken uns bei der herrlichen Zigeunermusik ganz besonders gut.
Ein wunderschöner Abend an der Donau
 
Am Freitag,dem 30. Mai, gingen wir auf den „Piaz“. Paprika, Tomaten, alle heimischen Früchte und Gemüse, Blätterteig und andere essbaren Spezialitäten werden da feilgeboten. Auch Kleider, Blumen und alles, was so im Haus gebraucht werden kann, findet man hier. Sogar lebendige Gatsch’e (Enten) und Bibbele (Küken), Schunk’e und Brodworscht hat es auch gegeben.Herz, was begehrst du mehr? Aber aus Platzmangel im Koffer oder wegen der Verderblichkeit der Waren machen die serbischen Händler  keine lukrativen Geschäfte mit uns. Nachmittags auf dem Friedhof hatten wir Gelegenheit nach den Gräbern unserer Vorfahren zu suchen. Den Einen ist das Glück hold, den Anderen bleibt es leider verwehrt. Interessant sind die vielen Gruftengräber. Eines ist wegen starker Regenfälle eingesackt und der Eingang dadurch offen gelegt. Der Friedhof hat durch Spendengelder eine Thujahecke bekommen und die umgestürzten aber noch gut erhalten gebliebenen Grabsteine wurden  inzwischen aufgerichtet.  In einigen Jahren wird für unsere dort bestatteten Ahnen eine würdige Begräbnisstätte entstanden sein.. Pfarrer Eisenlöffel hielt eine kurze Andacht. Nach dem Lied „Harre meine Seele…“ und gemeinsamem Gebet wurde zur Ehrung unserer Toten   bei der Gedenktafel ein Kranz niedergelegt.
Ein Besuch des Friedhofs gehört einfach dazu.
 
Wir besuchten auch die katholische Kirche, die aus einer ehemaligen Bäckerei umgestaltet worden ist. Heute leben noch 500 Katholiken im Dorf. Einige von ihnen haben uns mit einem „Imbiss“ erfreut. Der Slivovitz durfte natürlich auch hier nicht fehlen.
Wir wurden vom kath. Pfarrer und seinen Mitarbeitern verwöhnt.
 
Wir  sangen ein paar deutsche Lieder und fuhren in unserem schönen Reisebus zum Kulturverein im Dorfzentrum. Der Maler Miro Stefanovic stellte künstlerische Gemälde mit Motiven aus Beschka und Umgebung aus, die man  zur Erinnerung kaufen konnte. Jedem von uns wurde vom Präsidenten des Tourismus-Vereins aus Indjija ein Reiseführer „Unbekannte Donau“ (mit Landkarte und in deutscher Sprache) geschenkt. Die drei Autoren – unter ihnen eine Frau – stammen alle aus Beschka.
 
Danach umrahmte das Duo „Electra“  den serbisch-deutschen Abend im Hotel Centar. Eine deutschstämmige Folklore-Gruppe aus der Bezirksstadt Sremski Karlovci erfreute uns mit deutschen Volkstänzen. Wir erfuhren, dass diese jungen Menschen trotz Krieg in Serbien verbliebenen waren und ihre deutsche Muttersprache nicht mehr sprechen durften. Zu dem ausgezeichneten Hirschgulasch mit Semmelknödel spendierte uns ein Serbe, der 30 Jahre in Schweden gelebt und sich nun in Beschka zur Ruhe gesetzt hat, seinen eigenen gekelterten Wein mit dem Prädikat „Martin Steigele“. Wie uns der Spender mitteilte, hatte sich dieser Ur-Beschkaer im vorigen Herbst an der Weinlese beteiligt. Zu seinem Andenken erhielt der Wein seinen Namen.
Der fröhliche deutsch-serbische Abend im Centar.
 
Am Samstag, dem 31. Mai, fuhren wir nach Sremski Karlovci. Die Stadt zeichnet sich mit etlichen historischen Gebäuden aus und besitzt das älteste sprachliche Gymnasium Serbiens. Wir besichtigen das orthodoxe Kloster, in welchem unschätzbare Kunstwerke vor der Vernichtung durch die kommunistischen Partisanen bewahrt geblieben sind, sowie die altehrwürdige orthodoxe Kirche aus dem 17. Jahrhundert. In einer gemeinnützigen Senioreneinrichtung bekamen wir ein üppiges aber gesundes Mittagessen.
Besuch der wunderschönen Stadt Sremski Karlovci
 
In akute Zeitnot geraten, mussten wir auf den Besuch der Stadt Novi Sad verzichten und begnügten uns mit der alten Festung Peterwardein, die hoch über der Donau liegt. Bei der Rückfahrt von der Festung kam unser Busfahrer Marjan (ein sympathischer Slowene, der mit seiner Familie in Deutschland lebt) in arge Platzbedrängnis. Von anderen Fahrzeugen eingekeilt konnte er den 13 Meter langen Bus nur zentimeterweise durch das enge Festungstor jonglieren. Unser begeisterter Applaus hat nicht nur ihn sondern auch uns aufatmen lassen.
Nach dem Aufenthalt in Peterwardein brachte Marjan uns wieder gut heim.
 

Abgekämpft durch die hochsommerliche Temperatur fanden wir uns zum letzten gemeinsamen Abend mit den Serben auf dem Sallasch der Familie Stojšic ein. Gegrilltes aller Art, gemischter Salat und Brot sowie heimischer Wein laden zum Gaumenschmaus ein. Unzählige Gläschen Slivovitz machen ihre Runde und finden immer wieder Abnehmer – meistens sind auch wir Frauen mit dabei. Mit einigen Flaschen selbst gebranntem Schnaps  nehmen wir ein bisschen Beschka zur Erinnerung mit nach Hause. Ein serbisches Musikquintett spielt zum Tanz auf. Die Fröhlichkeit der Serben steckt an. In feucht-fröhlicher Atmosphäre wird getanzt, gelacht und mit Händen und Füßen geschwätzt. Noch ein letztes Schlückchen und ab geht’s in die Heia.

Ein anstrenger Tag und ein fröhlicher Ausklang.

Am Sonntag, dem 1. Juni, geht’s schon wieder in Richtung Heimat. Die Verabschiedung ist ebenso herzlich wie der Empfang. Auch unsere „zugereisten“, bzw. eingeflogenen  Freunde, lassen es sich nicht nehmen, uns in aller Frühe Lebewohl zu sagen. Einige fahren mit dem eignen Auto, andere fliegen ab Belgrad zurück nach Deutschland.
Eine anstrengende, aber schöne Reise geht langsam zu Ende.
 
Wir fahren in der umgekehrten Richtung wieder durch die panonische und ungarische Tiefebene, singen unterwegs, erreichen das Hotel in St. Pölten, essen zu Abend und freuen uns auf unser bequemes Bett. Am Montag, dem 2. Juni, fahren wir früh los. Es ist ein herrlicher Morgen. Die Fahrt verläuft ohne Schwierigkeiten. An fünf verschiedenen Stellen steigen Teilnehmer unserer Reisegruppe aus und in den frühen Abendstunden findet unsere beeindruckende und informative Reise nach Beschka in Karlsruhe ihr Ende.
 
Resümee:
Alle Tage unserer Reise waren mit dem besten Wetter gesegnet. Die Tage  verliefen  in voller Harmonie zwischen den Generationen. Niemand meckerte oder beschwerte sich. Jeder schwätzte mit jedem, als ob man sich schon immer kennen würde. Die über 80jährigen schlugen sich tapfer durch das Programm und verdienen in jeder Hinsicht unseren Respekt.
Die Wojwodina ist eine landschaftlich wunderschöne Region. Man fühlt sich beinahe wie zu Hause. Beschka ist trotz vieler Veränderungen Beschka geblieben. Es ist halt „DEHEEM“. Der Ausbau des Tourismus wird viele Möglichkeiten bieten, dort Urlaub zu machen. Die Gegend ist so oder so eine Reise wert. Man spürt die Bedeutung dieser Begegnung auf beiden Seiten, bei uns und bei den Serben. Es ist viel Unrecht geschehen in dem schrecklichen Krieg, den keiner wollte. Es bleibt zu hoffen, dass die nachfolgende Generation diese geschichtliche Aufgabe aufgreift und die gewonnene gute Nachbarschaft mit den Serben nicht verkommen lässt. In diesem Sinne können wir unseren Beschkaer Landsleuten nur empfehlen, macht euch auf den Weg, „zurück zu euren Wurzeln“!
Hannelore Inge

Hannelore Ruchay (Tochter von Kristina Weiss), Inge Keller (Tochter von Luisa Weiss).
 
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