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Warum nach Beschka fahren…?

(Reisebericht für die donauschwäbische Presse von Dipl. Volkswirt  Walter Deringer)
- 15.06.2009 -
 
Warum nach Beschka fahren – zurück in die Vergangenheit oder irgendwie auch in eine neue Zukunft? Ich bin  in Deutschland Anfang der 50er geboren. Beide Elternteile stammen aus Beschka. Ich bin also so etwas wie ein „Vertriebener mit Migrationshintergrund“. Und ich wollte Beschka einmal sehen und erleben. Ankunft in Belgrad auf dem Flughafen; – europäischer Standard, wie auch andere Orte eben heute so sind. Unsere kleine Gruppe von Flugreisenden wird mit Minibussen aus Beschka abgeholt und es geht über Land durch eine flache Agrarlandschaft. Dunkler Boden, bereits jetzt schon im Mai kräftige Ähren. Auch der Mais steht gut da, die ganze Flora ist einfach schon weiter als in Deutschland.
 
Hinter einer Kuppe der sich windenden Landstraße taucht der Kirchturm von Beschka auf. Meine Mutter im Bus neben mir erkennt jetzt doch alles wieder; -  erstmals nach 64 Jahren. “…hier auf dieser Straße haben wir 1944 mit Ross und Wagen unsere letzte Fahrt angetreten“, sagt sie nachdenklich und tief berührt. Auch ich stelle mir irgendwie den Treck von damals vor und glaube, die Gefühle der Verstoßenen  körperlich nachzuempfinden. Mein  erster Eindruck von Beschka ist positiv. Alles wirkt geordnet. Obwohl bereits manche Fassaden verfallen sind, drängen sich andere renovierte Häuser optisch in den Vordergrund. Die Straßen wirken durch die grünen Bäume vor den giebelständigen Häusern wie Alleen.  Ein offener Fiaker wartet auf uns. Die eisenbeschlagenen Räder poltern über das Kopfsteinpflaster. Wohin soll’s gehen, fragt der Kutscher.  Mutter sucht ein paar serbische Ausdrücke zusammen und gibt die Richtung an. Aber die Straßen sind doch auch verändert,  haben jetzt andere Namen und neue Hausnummern kamen hinzu. Wieso haben wir nicht den Ortsplan aus dem Beschka-Buch mitgenommen? 
 
Am nächsten Tag fahren wir mit dem Minibus direkt zu dem Haus meines Großvaters. Links daneben steht das Haus meines Urgroßvaters Philipp Steil. Beide habe ich nie kennen gelernt. Auch mein anderer Opa (väterlicherseits) ist bereits 1930 verstorben. Wir können den Hof betreten, den Mutter noch von früher kennt. Die Veranda sieht noch genauso aus, wie ich sie auf einem kleinen Foto aus den Vierzigern her kenne. Steht da nicht mein Opa und winkt mir zu? Die Häuser sind ja alle lehmgestampft, außen gekalkt und statt Tapeten hat man per Schablone Muster auf die Wände gemalt. Alles noch wie damals. Mutter sucht nach einem verbuddelten Schatz. Sie hatten damals vor der Flucht noch gutes Geschirr in einem Fass im Gartenschuppen vergraben. Doch wo war das genau? Der Schuppen steht nicht mehr. Der Garten hat sich auch verändert. War es neben diesem Baum? Oder da? Nach so langer Zeit ist es doch schwer die Erinnerung in der Realität wieder auferstehen zu lassen.
Erinnerungen...
  Auf dem Hof lebt jetzt ein alter Serbe. Er tut halt was er kann, wenn auch meine Mutter meint, dass alles sehr vernachlässigt aussieht. Naja, - Lehmbauten müssen halt auch gepflegt werden, aber wer soll das machen? Ich bin fasziniert von dem riesigen Garten, der fast bis zum Horizont zu reichen scheint. Wir würden so was eigentlich schon als Park bezeichnen. Nebenan beim Urgroßvater sieht alles anders aus. Das Haus ist gut in Schuss, aber nicht mehr ganz original. Hier wird Landwirtschaft gemacht. Trecker und andere Geräte stehen auf dem Hof. Auch das Haus meines Vaters ist von außen renoviert. Es liegt ein paar Straßen weiter, vorbei an großen Kirschbäumen mit reifen Früchten.
Häuser meiner Vorfahren Steil und Deringer
Gegen Abend kommt der große Reisebus mit der Hauptbesuchergruppe aus Deutschland. Wir von der kleinen „Fliegergruppe“ warten am schmucken Zentrum mitten im Ort. Nervosität breitet sich aus: „Der Bus kommt.“ Jetzt erlebe ich erstmals den Geist der heutigen Serben, als sich der Bürgermeister und Ludwig Eisenlöffel begrüßen. Da treffen sich Freunde. Ein ganzes serbisches Begrüßungskomitee heißt die Deutschen willkommen. Brot, Salz und Slivovitz werden von in Tracht gekleideten Mädchen gereicht. Dem Vernehmen nach waren die Serben vor einigen Jahren anscheinend noch reservierter gewesen. Was wollten diese Deutschen hier in Beschka? Ihr Land zurück? Warum auch nicht? Hatten unsere Vorfahren in diesem Land nicht von Anfang an gelitten? Hatten sie nicht einer unwirtlichen Natur trotz Cholera und Malaria unter riesigen Opfern gutes Ackerland abgerungen? Das waren sehr früh „blühende Landschaften“, von fleißigen Siedlern bevölkert, von gelehrigen Schülern und Handwerkern vorteilhaft gestaltet. Die  „Schwaben“ hatten alles getan, um nicht nur für sich sondern auch für die bereits in der Region ansässigen Serben einen lebenswerten Wohlstand zu schaffen.
Sie kamen damals nicht als Kolonisten mit einseitigem Anspruch. Die Deutschen haben Serbien sehr gut getan. Und das wird heute wieder in aller Form öffentlich anerkannt. Aber ob die Serben von heute sich wirklich vorstellen können,  was es ihre jetzigen Gäste einst gekostet hat, alles stehen und liegen zu lassen und an einem einzigen Tag alles zu verlassen; - Haus, Hof, Äcker, Wiesen, Vieh und allen Besitz. 
 
Ich komme ins Grübeln. Die Menschen lernen derzeit nichts dazu. Ähnliches geschieht heute in vielen Teilen der Welt immer wieder: Kurden, Westjordanland, Afrika. Warum muss immer der Einzelne leiden und bezahlen für die „große Politik“. Serbien will wohl auch in die EU. Dann bezahlen wir wohl noch einmal, z.B. für bessere Infrastruktur etc. in Serbien. Haben wir aber nicht irgendwo mindestens moralisch das Recht auf unseren alten Familienbesitz? Als Nachkomme von Donauschwaben neige ich zum Frieden und zur Versöhnung mit den Serben. Aber ich wünsche mir, dass sie ihre politische Vergangenheit genauso aufarbeiten, wie wir es als Deutsche seit dem zweiten Weltkrieg aller Welt gegenüber tun. Da ist rechtlich noch sehr viel im Dunkeln und muss ans Licht der Öffentlichkeit gebracht werden. Auch unsere deutsche Regierung ist da noch gefragt.
 
Als Touristen sind wir auf jeden Fall wohl gelitten. Wir akzeptieren klaglos alle Preise, wenn wir auch merken, dass sie manchmal zu hoch sind. Da langen die Gastronomen  und die Taxichauffeure schon mal kräftig zu. Dem demokratisch gesonnenen und zutiefst aufrichtigen Bürgermeister ist das peinlich. Da entgeht ihm schon einmal ein ärgerlicher Spruch über seine „unbelehrbaren“ serbischen Landsleute. Aber er und viele seiner engagierten Beschkaer verdienen es, dass wir sie unterstützen. Wir spenden gönnerhaft und kurbeln in dem verarmten früheren Heimatdorf gerne auch die Wirtschaft ein bisschen an; - kurz, wir  sind auch heute wieder die, die etwas nach Beschka mitbringen, - wie unsere Vorfahren.
 
Das emotionalste Erlebnis für mich war der Besuch des Friedhofs. Er liegt auf einem Hügel in einer traumhaften Landschaft außerhalb vom Ort. Unterschiedliche Grün- und Gelbtöne prägen die Felder ringsum. So was sieht man sonst in prämierten Kinofilmen. Im Vordergrund liegen die alten deutschen Gräber. Zielstrebig findet meine Mutter das Grab ihrer Oma. Gestorben 1919.Wir suchen das Grab des Urgroßvaters. Ich stehe vor einer mächtigen Gruft mit Inschrift. Im Hintergrund hat sich unsere Reisegruppe mit Dekan Karl-Heinz Wendel zu einem Gottesdienst im Freien versammelt. Als die ersten Liedstrophen zu mir herüberwehen, fühle ich den Geist all der Menschen, die hier gelebt haben und ihre letzte Ruhe gefunden haben. Mir ist als hörte ich sie sagen: „Schön, dass du gekommen bist“.
     
Auf dem Friedhof
Ich habe den Lebensgeist, die serbische Lebensart auch an zwei Abenden besonders gespürt: Einmal ein Musikabend direkt an der wunderschönen Donau. mit einem traumhaften Sonnenuntergang. Zum zweiten Mal auf einem Salasch mit serbischer Fröhlichkeit und überströmender Gastfreundschaft. Beide Male wurde mir klar, was in Beschka einst für eine geordnete kulturelle Nachbarschaft zweier Völker geherrscht haben mochte, die es verstanden hatten,  eine besondere Struktur des Zusammenlebens zu entfalten, in der sie leben und leben lassen konnten.
 
Zurück in Deutschland springt mir eine Zeitungsnotiz entgegen: „Jusos in Berlin sehen Vertriebenenverband als NS-Hilfsorganisation“. Ach, dumme Kinder, möchte man sagen. Was habt ihr für einen jämmerlichen Horizont? Was wisst ihr vom Leben und Sterben der Vertriebenen…
 
Walter Deringer, Mettmann
15.06.2009
 


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