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Wege zur ökumenischen Einheit aller Christen

Von Ludwig D. Eisenlöffel, Ph. D. 

 

Einleitung

Jesus Christus hat seine Gemeinde auf das Bekenntnis gegründet, dass er Gottes Sohn und der Retter (Messias) der Welt ist.  Er ist es, dessen Menschwerdung, Dienst an der Menschheit, Tod am Kreuz und Erhöhung durch Auferstehung und Himmelfahrt von den Propheten des AT deutlich vorausgesagt waren. Die äußere Gestalt und die dogmatischen Grundlagen seiner Gemeinde hat Jesus nicht festgelegt. Ihre innere Kraft und ihr Zeugnis nach außen sollten indessen von dem „neuen Gebot“ bestimmt sein, das Jesus seinen Jüngerinnen und Jüngern an Pfingsten ins Herz gelegt hat: von der Liebe zu Gott und zu den Menschen.  

 

In Jerusalem war die junge Gemeinde Jesu tatsächlich  „ein Herz und eine Seele“ (Acta 4,32). Äußerlich wurzelte sie in der jüdischen Tradition, unterschied sich von dieser jedoch durch ihr genuin „messianisches“ Zeugnis: „...den ihr gekreuzigt habt, den hat Gott von den Toten auferweckt“ (Acta 4,10 und viele Parallelstellen). Sie gingen weiterhin in den Tempel, versammelten sich aber zu ihren vom Heiligen Geist erfüllten Gottesdiensten auch in Wohnhäusern. Ihre Leiter – auch die Apostel selbst - wurden „Älteste“ genannt und zeichneten sich durch besondere geistliche Gaben und Kräfte aus. Ihre Zeitgenossen waren durch diese erste judenchristliche Gemeinde aufgeweckt und aufgeschreckt worden: „Es geschahen viele Zeichen und Wunder im Volk durch die Hände der Apostel; und sie waren alle in der Halle Salamos einmütig beieinander. Von den andren aber wagte keiner, ihnen zu nahe zu kommen; doch das Volk hielt viel von ihnen“ (Acta 5,12f). 

 

Die Apostel haben, gestützt auf die Propheten des AT und geleitet vom Heiligen Geist, durch das in Vollmacht verkündigte Evangelium zuerst nur unter den Juden missioniert. Erst als diese nicht glauben wollten, wandten sich die Apostel mit dem Evangelium auch den nichtjüdischen Menschen zu. Aus allen Völkern der Erde riefen sie Männer und Frauen in die Nachfolge des Jesus Christus und gründeten in nur einer Generation christliche Gemeinden in der ganzen damals bewohnten Welt. Sie verstanden diese neue Glaubensgemeinschaft von „Christen“ als eine „ekklesia“, d. h. als  eine aus der vergänglichen Welt herausgerufene Gemeinde. 

 

Die Apostel und ihre Nachfolger waren einfache Leute und dienten den ihnen von Gott anvertrauten Menschen mit vollmächtigen Worten und vorbildlichen Werken. Sie betrachteten die Gemeinden und ihre Mitglieder als  den „Leib Christi“, oder als eine „Behausung Gottes im Geist“,  auch als ein „Volk von Priestern“. Es gab am Anfang keine Unterscheidung zwischen „Geistlichen“ und „Laien“, auch nicht zwischen hoch und niedrig, zwischen arm und reich, oder zwischen Männern und Frauen. Die Christen hielten sich im Glauben an den unsichtbaren Gott und an seinen Sohn Jesus Christus. Jedermann konnte an ihnen sehen, dass sie nicht aus eigener Kraft  so fromm sein wollten, sondern dass sie von Gott eine besondere Kraft geschenkt bekommen hatten, die ihnen solche Glaubensgewissheit und Liebe immer neu zufließen hat lassen. Der Heilige Geist machte sie völlig eins untereinander.  

 

Die Gemeinde Jesu Christi wurde von Anfang an sowohl von den jüdischen  als auch von den heidnischen Machthabern blutig verfolgt. Trotzdem verlor sie ihre ursprüngliche geistliche Kraft und Vollmacht und gleichzeitig auch ihre innere Einheit nicht. Der Widerwirker Gottes, Satan – der Lügner und Mörder von Anfang an – säte von außen Hass und Mord, und von innen falsche Lehren und falsche Christen in die Gemeinde, um sie zu verwirren und zu schwächen. Aber Jesus Christus hatte die Macht, seine Gemeinde mitten unter allen Anläufen der finsteren Mächte am Leben und auf Kurs zu halten, laut seiner Verheißung, dass auch die „Pforten der Hölle“ sie nicht überwältigen können werden. 

 

Die Entstehung von Kirchen

Seit dem 4. Jahrhundert  hörten die politisch-religiös motivierten Verfolgungen auf und die auf dem Territorium des römischen Reiches allenthalben wachsenden Christengemeinden wurden zur „Kirche“. Der Begriff ist vom griechischen „kyriake“ abgeleitet und bedeutet „die dem Herrn gehörende“. Mit der Anerkennung als „Reichskirche“ und mit der Anpassung an das römische Staatswesen kam es in der Kirche von da an zu einschneidenden äußeren und inneren Entwicklungen, die das Erscheinungsbild der christlichen Gemeinden verändert haben. Die Kirchenlehrer jener Zeit waren keine Judenchristen, sondern griechisch-römisch gebildete Leute, die sich einerseits am jüdisch-synagogalen und andererseits am römischen religiösen Leben orientiert haben. 

 

Damit entfernten sie sich immer mehr von den „Modellen“ der  apostolischen Gemeindepraxis und nutzten die politische Gunst der Kaiser für die Erstellung von gigantischen kirchlichen Institutionen, an deren Spitze sich zwar religiös empfindende aber gleichzeitig recht machtbewusste Amtsträger setzten. Das führte dazu, dass sich in den Kirchen Hierarchien und Pfründen herausgebildeten, die zu vielen unschönen Machtkämpfen geführt haben.

 

Doch weil auch diese staatlich gestützten und nach menschlichen Kriterien geleiteten Kirchen an das Wort Jesu gebunden blieben, haben sie  immer auch um ihre innere und äußere Einheit gerungen. Dabei sind bei  der Abwehr von Irrlehren die ältesten christlichen Glaubensbekenntnisse formuliert worden, die trotz aller Irrungen und Wirrungen der nachfolgenden Jahrhunderte bis heute in allen christlichen Konfessionen in Geltung gebelieben sind. Solche „Konfessionen“ bildeten sich immer in dem Bemühen heraus, die biblische Wahrheit vor Irrtümern zu bewahren. Leider wurde in der Geschichte der Konfessionen nicht immer nach biblischer Wahrheit und religiöser Freiheit gefragt, sondern nach politischer Macht und wirtschaftlichem Einfluss der Kirchen darüber entschieden, wer den „richtigen Glauben“ hatte und wer ein „Ketzer“ war. 

 

Viele treue und begnadete Gottesmenschen sind infolge dieser kirchlichen Fehlentwicklungen als Irrlehrer verdammt und grausam verfolgt oder hingerichtet worden. Das ist von allen Sünden der Kirchen die größte, weil sie sich in den meisten Fällen an den eigentlich Berufenen und Bevollmächtigten des Christus in verblendetem Wahn vergangen haben. Doch auch die tatsächlichen Irrlehrer, die es immer gegeben hat, hätten die Kirchen nicht verfolgen oder töten (lassen) dürfen. Die Kirche Jesu Christi ist berufen, auch ihren Gegnern Liebe und Sanftmut widerfahren zu lassen. 

 

Kirchenspaltungen wegen der biblischen Wahrheit

Es gab immer  den Willen zur geistlichen Einheit der Christen, aber die Kirchenführer wollten dieses Ziel meistens mit Gewalt durchsetzen. Fast immer gab es auch politische Rangeleien um Macht und Einfluss der Geistlichkeit. So kam es schließlich schon 1054 zu einer ersten „europäischen“ Kirchenspaltung zwischen der oströmischen – byzantinischen Kirche (heute als orthodoxe, d. h.  „rechtgläubige“ bekannt)  – und der weströmischen Kirche, die bis heute als die katholisch, d. h. „allgemeine“ bekannt ist. Diese hat ihrerseits ihre Einheit in westlichen Europa streng gehütet, ohne allerdings verhindern zu können, dass auch aus ihrer Mitte Männer und Frauen aufgestanden sind, die gegen den Papst oder gegen einen bestimmten Zustand ihrer Kirche aufbegehrt haben. Die beiden „alten“  großen Konfessionen in Ost- und Westeuropa (Byzanz = Konstantinopel und Rom) sind Staatskirchen geworden, die  mit ihren theologischen Gegnern nicht zimperlich umgegangen sind. 

 

Die stärkste Erschütterung erlitt die bis dahin formal geeinte römisch-katholische Kirche durch die Reformation am Anfang des 16. Jahrhunderts. Doch handelte es sich dabei nicht um eine rein theologische und vom Heiligen Geist bewirkte Erneuerung  (Zurechtbringung) der kirchlichen Massen, sondern es war auch dabei wieder Politik im Spiele. Die deutschen – und einige andere europäische – Landesherren verbanden sich als „Protestanten“ militärisch so entschlossen, dass der dem Papst verpflichtete deutsche Kaiser aus politischer Klugheit einem „Religionsfrieden“ mit den „evangelisch Gesinnten“  zustimmen musste. Diese „Anerkennung“ musste auch der Papst hinnehmen, obwohl er sich der Reformbewegung  mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln widersetzt und danach in der Gegenreformation einen Teil seines verlorenen gegangenen Einflusses zurück gewonnen hat. Die europäische Christenheit war von da an gespalten, bis auf den heutigen Tag.

 

In den fast fünf Jahrhunderten seit der Reformation haben sich neben der katholischen und den evangelischen großen Volkskirchen – analog dazu auch in allen Teilen des christlichen Abendlandes – andere neue Kirchen herausgebildet. Dazu gehört die „anglikanische“ Kirche, die sowohl katholische Elemente beibehalten als auch einige protestantische Strukturen entwickelt hat. Eine ekklesiologisch bedeutsame neue Taufbewegung setzte sich trotz größter Schwierigkeiten in Europa durch Auswanderer auf dem riesigen amerikanischen Kontinent durch. Dort sind im 19. Jahrhundert die meisten jungen Kirchen entstanden, die im generellen Sinne der evangelischen Christenheit zugerechnet werden, obwohl sie teilweise auch aus der katholischen Kirche hervorgegangen sind. In Europa wurden sie von den großen Volkskirchen als „gefährliche Sekten“ abgelehnt und manchmal blutig verfolgt. Darum sitzt in den Köpfen der meisten Christen in solchen neuen Kirchen ein tiefes Misstrauen gegenüber den großen Kirchen. 

 

Die ältesten noch heute bestehenden Christengemeinden dieser neueren Art sind - in der Reihenfolge ihrer Entstehung aufgezählt -  die so genannten „Waldenser“, die es bis heute in Italien gibt. Die „wiedertäuferischen“ Mennoniten aus der Reformationszeit bekamen  im 19. Jahrhundert neue täuferisch gesinnte Nachfolger, nämlich die „Baptisten“ mit  einigen verwandten „Brüdergemeinden“ (international als „Brethren“ bekannt). In England bildete sich der „Methodismus“ als eigene Kirche heraus und in seinem Gefolge die „Heilsarmee“.  In Amerika, siedelten sich, wie bekannt, während der allmählichen Staatswerdung viele Christen an, die in Europa um ihres Glaubens willen verfolgt worden waren. Dort entstanden nacheinander manche theologisch anfechtbaren Kirchengebilde, die eine starke missionarische Ausstrahlung hatten und sich nach Europa, Asien und Afrika ausgebreitet haben. Zu erwähnen  wären die auch in Deutschland bekannten „Zeugen Jehovas“, die „Mormonen“, die „Adventisten“ und die „Pfingstler“, um nur die bekanntesten von ihnen zu nennen. Sie unterscheiden sich jedoch wesentlich voneinander. Manche kann man sogar schwerlich als christliche Kirchen gelten lassen. Sie lassen auch keinerlei Drang nach der geistlichen Einheit mit Christen anderer Kirchen erkennen.    

 

Was kirchliche Statistiken aussagen

Nach einer Statistik aus dem Jahr 1980 soll es mittlerweile rund 3000 verschiedene christliche Konfessionen auf der Welt geben. Man spricht von den „kleinen“ unter ihnen als von „Denominationen“, d. h. von „Benennungen“ oder einfach von „Sekten“. In Deutschland gelten die meisten kleinen Glaubensgemeinschaften – im Unterschied zu den „alten“ großen Volkskirchen – sowohl im kirchlichen als auch im staatlichen Kontext als „Freikirchen“.  Allerdings fällt als ein wesentliches Merkmal für eine solche Akzeptanz  einer bestimmten  Denomination ins Gewicht, dass sie sich nicht als „einzige, wahre und allein seligmachende Kirche“ verstehen. Solche „allein wahren Kirchen“ – die alle anderen Kirchen und Freikirchen neben sich für falsch und antichristlich halten - spielen im stets fragilen  kirchlichen Mit- und Nebeneinander weder auf nationaler noch auf internationaler Ebene irgendeine Rolle. 

 

Solche „allein seligmachenden“ Kreise wollen absichtlich keine „geschwisterlichen“  Beziehungen zu Christen anderer  Kirchen und Glaubensgemeinschaften haben, weil diese  ihrer Meinung nach alle miteinander „nicht richtig glauben“. Natürlich stockt bei den typischen „Freikirchlern“, die sich für den Dialog mit Christen anderer Kirchen offen halten, immer einmal der ökumenische Atem, wenn die römisch-katholische Kirche sich eben auch als die „allein selig machende“ versteht. Sie hat allerdings immer einen Weg gefunden, um mit Christen aus nichtkatholischen Kirchen ins Gespräch zu kommen. 

 

Als traurige Bilanz bleibt festzuhalten, dass die christlichen Kirchen untereinander immer noch gespalten sind und mehr darauf bedacht, ihre eigene Existenz zu behaupten, als sich für ihre kirchlichen Nachbarn zu öffnen, die in der biblischen Perspektive ihre Brüder und Schwestern sind. Von Gottes Wort und Gottes Geist geleitete  Christen gibt es mehr oder weniger aber in allen Kirchen, Freikirchen und christlichen Gemeinschaften. Sie suchen einander, weil sie Gottes Kinder sind und nur einen Vater im Himmel und nur einen Heiland und Erlöser gemeinsam haben: JESUS CHRISTUS!  

 

Gottes Ruf zur Einheit

Der dringende Appell Jesu Christi an seine Nachfolger, unter allen Umständen ihre innere Einheit zu bewahren, wird seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts von allen Kirchen immer wieder thematisiert. Die beiden großen Volkskirchen litten und stritten sich nach und nach zusammen, besonders in Deutschland. Weltweit sind sie allerdings ungleiche Partner. Die römisch-katholische Kirche war im globalen Vergleich zahlenmäßig schon immer weitaus größer als alle evangelischen Kirchen zusammen. Gegenwärtig, am Ende des zweiten Jahrtausends, gibt es gut eine Milliarde mehr Katholiken auf der Welt als „Protestanten“ jeglicher couleur. Unter denen gab es allerdings auch immer einmal geistliche Strömungen, z. B. den „Pietismus“ in mannigfaltigen Facetten, der in den evangelischen und reformierten Kirchen nachhaltige positive Wirkungen in Richtung Diakonie und Mission gezeitigt hat. Insgesamt haben die Protestanten im 20. Jahrhundert erstaunlich zugenommen; - allerdings nicht in den herkömmlichen Volkskirchen.  Das kommt noch ausführlicher zur Sprache.

 

Wie sollen nun aber die Christen, die in so vielen verschiedenen Kirchen beheimatet sind, die von ihrem Herrn erflehte Einheit finden? Die meisten von ihnen haben „von Haus aus“ keine Gelegenheit zu einem partnerschaftlichen Gespräch; - ausgenommen die autorisierten Mandatsträger der jeweiligen Kirchen, die zu offiziellen Dialogen, lehrmäßigen Veranstaltungen  und Symposien „delegiert“ werden. Zum Glück gibt es mittlerweile verschiedene Foren für zwischenkirchliche Begegnungen. Schon  1846 trafen sich in London 921 Abgesandte von 50 Denominationen aus Europa und Nordamerika und gründeten die „Evangelische Allianz“. Sie ist kein Bund von Kirchen sondern versteht sich als ein „Bruderbund“, der nach geographischen Kriterien weltweit organisiert ist. Diese „EA“ ist der älteste evangelische überkonfessionelle christliche Verband, der sich in den letzten Jahrzehnten allerdings auch für katholische Christen geöffnet hat.  Die  EA kann zwar nicht alle Probleme zwischen den Christen der verschiedenen Kirchen lösen, aber sie erweist sich immer mehr als ein Forum von beträchtlicher Relevanz für das  Gesamtbild einer „lebendigen“ geistlichen Ökumene von einzelnen Gläubigen. 

 

Zu einem wirklich globalen Aufbruch einer „ökumenischen“ Bewegung kam es allerdings erst im 20 Jahrhundert. Ausgelöst wurde sie durch die Not auf den diversen Missionsfeldern, auf denen sich die Kirchen gegenseitig Konkurrenz machten und somit das christliche Zeugnis nachhaltig schwächten. Doch auch in den einheimischen europäischen und amerikanischen Kirchen regte sich die Liebe der Christen zueinander und verlangte nach neuen Formen und brauchbaren Strukturen für die Darstellung ihrer Einheit und für ihr Zeugnis vor der „Welt“. So führten die zunächst  „privaten“ Bemühungen engagierter Kirchenführer und Missionsleiter ab 1910 schrittweise zur Gründung des „Ökumenischen Rates der Kirchen“ (ÖRK) mit Sitz in Genf, dem sich innerhalb weniger Jahrzehnte fast alle nichtkatholischen Kirchen als Mitglieder angeschlossen haben.

 

In Deutschland riefen 1948 die EKD zusammen mit fünf evangelischen Freikirchen sowie die Altkatholische Kirche eine „Arbeitsgemeinschaft der christlichen Kirchen in der Bundesrepublik Deutschland“ (ACK) ins Leben. Auch die römisch-katholische Kirche wurde Vollmitglied der ACK, was bedeutsam genug ist, weil die römische Kurie mit dem Papst an der Spitze bisher keine Mitgliedschaft in einem großen ökumenischen Gremium wie etwa dem ÖRK angestrebt hat. Es wurden danach in nur wenigen Jahren fast alle evangelischen Freikirchen sowie die Griechisch orthodoxe Kirche ebenfalls Vollmitglieder oder Gastmitglieder dieses zwischenkirchlichen Gremiums „ACK“.  

 

Während die Evangelische Allianz (EA) ein Bruder- (und Schwester-)Bund sein will, versteht sich die ACK – in Anlehnung an den ÖRK – als eine Arbeitsgemeinschaft der Kirchen. Mit der Gründung von nationalen ökumenischen Gremien, wie es die ACK in Deutschland ist, haben die vielen nebeneinander existierenden Kirchen einander ihre Türen geöffnet und den jeweils anderen kirchlichen Nachbarn ihre Gastfreundschaft angeboten. Die Begegnungen finden allerdings nur zwischen den „Delegierten“ der einzelnen Kirchen statt. Das einfache Kirchenvolk befindet sich gewöhnlich viel länger als es ihm gut tut im Zustand der ungewollten oder gewollten Isolierung gegenüber den „andersgläubigen“ Christen. Man weiß, dass es die anderen gibt, aber man kennt sie nicht. Und weil man sich nicht wirklich kennen lernt, bleiben alte Vorurteile und Verdächtigungen leider noch in vielen Herzen bestehen. Es ist die Aufgabe der Geistlichen aller christlichen Kirchen, ihre Gemeinden mit ihren kirchlichen Nachbarn bekannt zu machen. „Ökumenische“ Veranstaltungen jeder denkbaren Art,  einschließlich des gegenseitigen Gottesdienstbesuches, wären hier anzumahnen.   

 

Wenn die Schäflein davon laufen...

Natürlich werden gerade durch die gegenseitige Öffnung der Christen für den Glaubensweg anderer Kirchen  auch neue Fragen aufgeworfen. Es kann dann in jeder Kirche geschehen, dass es bei einzelnen Mitgliedern zu Übertritten in eine andere Kirche kommt. Bei so genannten „Mischehen“ kann es am ehesten zu einer konfessionellen Neuorientierung und inneren kirchlichen Beheimatung in der Kirche des einen oder anderen Partners kommen. Katholiken werden Evangelisch, und Evangelische werden katholisch. Methodisten werden Baptisten, und Baptisten werden Pfingstler, - und umgekehrt. Das haben die „Hirten“ natürlich nicht so gerne, aber es sollte als ein selbstverständliches Recht jedes mündigen Christen gelten, dass er sich der Gemeinde anschließen kann, in der er sich in geistlicher Hinsicht am meisten gefördert und innerlich beheimatet vorfindet. 

 

Es versteht sich von selbst, dass nur bei der Wahrung solcher „Religionsfreiheit“ echte ökumenische Einheit der Christen  gesucht und gefunden werden kann. Kirchen, die behaupten, dass man nur bei ihnen gerettet werden kann, schließen sich selbst von der geistlichen Einheit des Leibes Christi aus. Und wer die kirchliche Nachbarschaft meidet, weil er befürchtet, dass ihm einige seiner Schäflein in eine andere Kirche entlaufen könnten, der kann sich natürlich nicht für eine ökumenische christliche Einheit öffnen. Es müssen die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, dass Christen ohne Angst auf einander zugehen und sich besser kennen lernen können. Der Wechsel eines Christen aus einer Kirche in eine andere dürfte auf keinen Fall als so etwas wie ein „Abfall vom richtigen Glauben“ angesehen werden. Die Geistlichen aller Kirchen müssten überzeugt sein, dass ein Christ in jeder Kirche seine ihm eigene geistliche Heimat finden kann und finden dürfen muss. 

 

Gewöhnlich sind die Christen in ihrer eigenen kirchlichen Tradition und Lehre so tief verwurzelt, dass sie am liebsten in ihrer „angestammten“ Kirche bleiben wollen. Und doch ist sehr viel gewonnen, wenn sie ihre kirchlichen „Nachbarn“ verstehen lernen, die ihrerseits eben auch am liebsten in ihrer Kirche bleiben möchten. Kommt es aber so, dass jemand lieber in eine andere Kirche übertreten will, so dürfte ihm das nicht übel genommen werden. In der ACK beispielsweise ist geklärt, dass solche ausgereiften Entscheidungen zu einem Kirchenübertritt nicht als feindseliger „Proselytismus“ zu werten seien. Wer zu seiner Kirche entweder  nie eine Beziehung hergestellt hat, oder wer  in seiner Kirche gelebt hat aber nicht mehr in ihr bleiben will, sollte mit den Segenswünschen seines Pastors und seiner bisherigen  Gemeinde in eine andere Gemeinde wechseln können. Das ist besser, als wenn er aus Frust am Ende in gar keine Kirche mehr geht. 

 

Wichtig ist doch, dass sich die Gläubigen nicht nur als Mitglieder einer (oder ihrer) Kirche wahrnehmen, sondern als lebendige Glieder am Leibe Jesu Christi. Die Mitgliedschaft in einer Kirche soll ja keinem Selbstzweck dienen, sondern dem Heil und der Errettung jedes einzelnen Gläubigen. Die Apostel haben gelehrt, dass  sich jeder Mensch ganz persönlich dem Ruf Gottes stellen muss. Und wenn ein Mensch das tut, bestimmt ihn Gott dazu, in das Bild Jesu, des Sohnes Gottes, umgestaltet zu werden. Das ist Gottes Plan und Wille mit jedem  Menschen, der wirklich glaubt. 

 

Leider haben nicht alle Kirchen diesen göttlichen Plan in ihrem dogmatischen und ekklesiologischen Konzept klar genug erfasst. Die meisten Kirchen bemühen sich bestenfalls darum, dass sie aus ihren Mitgliedern treue Anhänger der eigenen Konfession machen. Ihr jeweiliges Ziel mit den ihnen von Gott anvertrauten Menschen besteht  dann darin, dass sie die Leute zu guten Katholiken, Lutheranern, Calvinisten, Anglikanern, Mennoniten, Methodisten, Heilsarmee-Soldaten, Baptisten, Adventisten, Stundisten, Pfingstlern, Charismatikern oder Christen einer anderen bestimmten „Prägung“ machen. Wenn sie sich äußerlich dem jeweils tradierten Ritus ihrer Kirche angepasst haben, können sie ein Leben lang so bleiben wie sie sind. Das lässt sich Gott nicht einfach gefallen. Darum nimmt er eines seiner Kinder manchmal einem routinierten Pastor weg und gibt es einem anderen in Pflege, der seine Verantwortung vor Gott für dieses Gotteskind ernster nimmt.   

 

Damit kommen wir zu den vielen Austritten aus den (evangelischen) Kirchen. Die römisch-katholische ist davon etwas weniger betroffen. Neueste Statistiken (April 2006) besagen, dass die  katholische Kirche in Deutschland 1950 „nur“ 25,2 Millionen Mitglieder hatte. 1970 waren es 28,5 Millionen, 1990 sogar 29,9 Millionen. Dann verlor allerdings auch die katholische Kirche mehrere Millionen Mitglieder. Bis  2004 pendelte sich die Zahl der Katholiken in Deutschland auf  genau 26 Millionen Mitglieder  ein. Die (17) evangelischen Kirchen (EKD) hatten 1950 sage und schreibe 43,4 Millionen Mitglieder. Bis 1970 ging diese Zahl auf 36,8 Millionen Mitglieder zurück. Das war ein Verlust von rund sieben Millionen Mitgliedern in zwanzig Jahren. Noch einmal zwanzig Jahre später sank die Mitgliederzahl sämtlicher EKD-Kirchen auf 29,9 Millionen und steht 2004 nur noch bei 25,7 Millionen. Ein solcher Rückgang von Kirchenmitgliedern bedeutet eigentlich für jede Kirche eine reine Katastrophe. 

 

Die Statistik weist übrigens auch die Zahlen der „Konfessionslosen“ aus: 1950 war es etwa 1 Million. 1970 waren es 12,9 Millionen, 1990 gab es 22,0 Millionen und 2004 schon 27,2 Millionen Deutsche, die keiner Konfession angehören. Das bedeutet aber nicht, dass die 18 Millionen, die in den letzten 50 Jahren den evangelischen Kirchen verloren gegangen sind, allesamt Atheisten oder Agnostiker geworden wären. Was die Statistik nicht berücksichtigt, ist der Umstand, dass viele aus ihrer Kirche ausgetretene Menschen  sich einer anderen christlichen Kirche angeschlossen haben können. 

 

„Kirchenemigranten“ wandern in neue Kirchen ein

Diese Feststellung lässt sich anhand der veränderten Mitgliederzahlen bei den alten und den jungen Kirchen im weltweiten Maßstab nachvollziehen. Während im 20. Jahrhundert die großen Kirchen – in der dritten Welt auch die römisch-katholische - viele Verluste an Mitgliedern hinnehmen mussten, sind  die ganz neuen,  freien „charismatischen“ und „pfingstlichen“ Kirchen zwischen 1906 und 2006 – also in nur 100 Jahren – von Null auf circa 500 000 000 Mitglieder (oder Anhänger) angewachsen. Das ist ein kirchengeschichtliches Phänomen von einmaliger „Beweiskraft“ für die Möglichkeit der Erneuerung der Kirchen durch den Heiligen Geist. Die spirituelle Erneuerung geschieht aber offensichtlich nicht  i n  den alten Kirchen, sondern  n e b e n  ihnen. Es ist verständlich, dass die Geistlichen der alten Kirchen darüber nicht gerade erfreut sind, aber sie sollten die neu entstehenden christlichen Gemeinden nicht als „Sekten“ diskriminieren (was auch in den GUS-Staaten vehement geschieht), sondern sich fragen, warum ihnen ihre nominellen Mitglieder „davonlaufen“.   

Offensichtlich dauert es zu lange, bis die etablierten Kirchen neue Wege aus ihrer Misere und zu den Menschen beschreiten, - und darum bleiben sie leider immer öfter leer. Es gehört viel Demut und Herzensgröße der Pastoren  dazu, sich selbst und die eigene Kirche aus den alten Verkrustungen „herauszulieben“, die für viele unserer Zeitgenossen anscheinend nicht mehr lebendig und überzeugend genug sind. 

 

Eine glaubwürdige ökumenische Bewegung und sichtbare Darstellung der Einheit der Christen kann nämlich nur gelingen, wenn die Kirchen den Menschen die Freiheit gewähren, sich aus eigenem innerem Antrieb für die eigene oder eine andere Kirche selbst zu entscheiden. Das müssen die Hirten und Oberhirten aller Kirchen ohne Groll zu akzeptieren lernen. Es hindert sie ja niemand daran, sich selbst um ihre Herden so zu kümmern, dass ihnen ihre Schäfchen eben nicht davonlaufen. Für Gott ist es wichtig, dass die Menschen gerettet werden. Solche Kirchenleiter, die glauben, dass sie mit der Spendung der Taufe und der meist nur flüchtigen Unterweisung ihrer Mitglieder während der Schulzeit ihre Hirtenpflicht schon erfüllt hätten, täuschen sich über den Ernst ihrer kirchlichen Lage hinweg. Sie sind es ihren Mitgliedern vielmehr schuldig, sie in priesterlicher Liebe in die reale Lebensgemeinschaft mit Jesus Christus hinein zu begleiten, weil ihnen die bloße Zugehörigkeit zu einer Kirche im Blick auf die Ewigkeit nichts nützt.  Wer seine ausgetretenen oder in eine andere Kirche übergetretenen Mitglieder mit heimlicher oder offener Häme oder gar mit Zorn begleitet, hat das „neue Gebot der Liebe“, die Freunde und sogar die Feinde segnen kann,  noch nicht begriffen. 

 

Vom Landarzt lernen

Wer die Einheit der Christen verwirklichen will, weil Jesus selbst es geboten hat, der muss sich um seine „Herde“ kümmern.  Hat er die Liebe Jesu im Herzen, dann kann er ohne Angst und ohne Hintergedanken auf Christen anderer Kirchen zugehen. Er sollte allerdings seine Mitglieder in der eigenen kirchlichen Lehre und Tradition festigen. Denn jede Kirche hat einen festen Bestand an spiritueller „Masse“, die geeignet ist, ein Kirchenglied geistlich ausreichend zu „versorgen“. Dies geschieht natürlich nicht selbstverständlich „durch Wort und Sakrament“ sozusagen von alleine. Sondern Christen leben in der realen Welt mit allen ihren Widersprüchen und Unwägbarkeiten. Der Pastor, d. h. Hirte sollte seinen Gemeindegliedern deshalb mit seinem Glauben und seiner geistlichen Erfahrung immer nahe sein. Es ist ein gigantischer Irrtum, wenn ein Pastor denkt, dass er nur Gottesdienste und Kausalien durchzuführen hätte. Nein, er ist berufen, den Menschen mit mindestens der gleichen Hingabe nachzugehen, wie das jeder Landarzt  bei Tag und Nacht mit seinen Patienten macht.  

 

Die Erfahrung lehrt, dass auch volkskirchliche Gemeinden stabil und aktiv bleiben, wenn sie von ihren Pastoren und Bischöfen verantwortungsbewusst in die reale Gemeinschaft mit dem auferstandenen Herrn Jesus Christus geleitet und begleitet werden. Sucht trotzdem eines seiner Mitglieder eine „bessere“ geistliche Heimat, so möge nicht die bloße Unzufriedenheit mit dem eigenen Pfarrer oder ein Konflikt mit einem Kirchenvorstand sein Ratgeber für einen Kirchenwechsel sein. Denn „wunderliche“ Pastoren und schwierige Gemeindeglieder gibt es in allen Kirchen. Ein erfahrener Gottesmann sagte: „Wenn ich Mitglied  einer ‚reinen’ Gemeinde werden würde,  wäre diese spätestens dann nicht mehr rein“. Er wusste, dass es in allen Kirchen schwarze Schafe gibt und hielt sich für fähig, ebenfalls ein schwarzes Schaf zu sein.  Allerdings wäre dieser Ehrlichkeit  hinzu zu fügen, dass es für ein echtes „Schaf“ des großen Hirten Jesus – das seine Stimme hört und ihm folgt -  unmöglich wäre, in einem Stall voller schwarzer Schafe zu existieren. Dort gehört der aus Gott geborene Christ wirklich nicht hin. 

 

Es wird vermutlich öfter so sein, dass gerade reife Christen  in ihren herkömmlichen Kirchen nicht mehr bleiben wollen. Sie sind geistlich „erwachsen“ geworden. Und wenn in ihrer Kirche nur noch „Wasser gepredigt und Wein getrunken wird“ (Heine), und sich spirituell nichts mehr bewegt, folgen sie ihrem geistlichen Hunger und Durst dorthin, wo das Wort Gottes noch in Kraft und Vollmacht verkündigt wird. In dieser Hinsicht  gibt es auf unseren Kanzeln und an den Altären beträchtliche Unterschiede. 

Nicht jeder Christ wird in der Kirche, in die er hineingetauft wurde, aus Überzeugung ein „gutes“ Kirchenmitglied. Die Zugänge zur Bibel und zum Glauben sind individuell ganz verschieden.  

 

So kann ein Jude einmal Christ werden, ein Katholik kann zum Lutheraner werden, - und natürlich auch umgekehrt. Methodisten können   Baptisten oder enthusiastische Pfingstler werden, - und umgekehrt. Jeder Christ hat von Gott her das Recht, sich mit der Frage auseinandersetzen, in welcher Kirche er seine geistliche Heimat finden will. Dieses religiöse Freiheitsrecht hat er sogar für eine Entscheidung zu einer nichtchristlichen Glaubensgemeinschaft  oder für eine ganz andere Religion.  Da muss jeder einzelne Mensch seiner inneren Führung folgen dürfen. Doch, wie gesagt, Pastoren die sich um ihre Mitglieder wirklich kümmern, verlieren ganz selten eines ihrer Schäfchen. 

 

Wer allerdings nur formal und nicht von ganzem Herzen  Christ ist, der wird von keinerlei Übertritts- oder Austrittsgedanken angefochten werden. Einem solchen „Gläubigen“ ist die Einheit der Christen ganz und gar egal. Er bleibt in „seiner“ Kirche, weil er sie irgendwann mal brauchen könnte. Vielen genügt es, dass sie am Ende ihres Lebens nicht wie ein  „Heide“ verscharrt werden, sondern mit Hilfe „ihrer“ Kirche mit einem  würdigen Begräbnis von dieser Welt verabschiedet werden.  Oft glauben sie nicht, dass sie  es „drüben“ tatsächlich mit dem lebendigen Gott und mit seinem Sohn Jesus Christus zu tun bekommen werden. Darum machen solche Mitglieder ihren Hirten lebenslang keine Sorgen. Es sind indessen die Leute, „die mit Ernst Christen sein wollen“ (Luther),  immer auch um die Einheit mit allen anderen „ernsten“ Christen besorgt. Ein geistlich besonnener Pastor wird sein Augenmerk wie ein Landarzt gerade auf solche Gemeindeglieder richten, die erkennen lassen, dass sie mit seinem Dienst nicht mehr zufrieden sind. 

 

Es ist vorgekommen, dass ein Pastor mit einem „unzufriedenen“ Gemeindeglied zum Pastor einer anderen Kirche gegangen ist und ihn mit Gebet und Segenswünschen an seinen Amtsbruder übergeben hat. Warum denn nicht?  Auch der tüchtigste Arzt stellt einem Patienten eine Überweisung zu einem Kollegen aus, wenn er sieht, dass er dem Betreffenden nicht mehr helfen kann. Wir ahnen bei diesem Vergleich, wie weit die geistlichen Fachleute der Kirchen noch von einem solchen  selbstlosen und ökumenischen Denken entfernt sind.

 
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